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Informiertes Vertrauen – Reflexionsfähigkeit ist gefragt!

Ein Gespräch mit Rainer Bromme 

Blogbeitrag von Jan Lauer, Florian Hoffmann & Rebecca Moltmann  

Gleich zu Beginn unseres zweiten Kaminabends verdeutlichte unser Gast Rainer Bromme, Seniorprofessor für Pädagogische Psychologie aus Münster, dass beim Thema Wissenschaftskommunikation das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft von zentraler Bedeutung sei. Bisher gelte das Augenmerk allerdings vor allem der Wirkung von Wissenschaftskommunikation. Deshalb erachte er einen Ausbau der Forschung zur Wissenschaftskommunikation für wichtig – und begrüßte die Gründung unseres Graduiertenkollegs! 

Rainer Bromme beantwortete bei diesem Kaminabend ausführlich die vielen Fragen der Kollegiat:innen. In der Wissenschaftskommunikation gehe es etwa um die Frage, ob eher in wissenschaftliches Personal oder die Wissenschaft als System vertraut werde. Auch gebe es in der Kommunikationspraxis Unterschiede zwischen Natur- und Geistes- bzw. Sozialwissenschaften, die stärker reflektiert werden müssten. Des Weiteren wurden die Rollen von Werten und Normen in der Wahrheitsfindung und von Emotionen in wissenschaftlichen Debatten diskutiert. 

Im Vordergrund der Diskussion stand aber sein Konzept des informierten Vertrauens. Demzufolge basieren Vertrauenszuschreibungen auf drei „Wissensbereichen“:  

  1. Wissen über Wissenschaft als soziales System 
  1. Sachwissen 
  1. Wissen über das eigene Wissen und das Wissen der anderen 

Diese drei Bereiche könnten für Kommunikator:innen eine zentrale Grundlage für die Reflexion der eigenen Vermittlungs- und Kommunikationspraktiken bilden. Wissen potentielle Rezipient:innen überhaupt, wie dieser Prozess im Wissenschaftssystem funktioniert? Über- oder unterschätzen sie vielleicht ihr eigenes Wissen und könnte eine zusätzliche Erläuterungsschleife solchen Fehlurteilen vorbeugen? Eine gute Wissenschaftskommunikation mache daher zwar das Beherrschen aktueller Kanäle sowie rhetorischer und sprachlicher Kompetenzen unabdingbar. Gefragt sei aber vor allem die entsprechende Reflexionsfähigkeit. 

Wie sehen best practices aus? Bromme zufolge seien ‚Disclaimer’ von Expert:innen, wie „das ist alles viel komplizierter, ich veranschauliche das aber an einem einfachen Modell“, zur Darstellung komplexer Gegenstände geeignet. Dabei müssen Wissenschaftler:innen sich aber stets ihrer Rolle bewusst sein: Spreche ich als Berater:in, Wissenschaftler:in oder Kommunikator:in?  

Und was gilt für die Empfänger:innen von Wissenschaftskommunikation? Hier bietet Bromme eine Faustregel an: Wenn Leute im Fernsehen auftreten und „knackige“ klare Meinungen zu komplexen Problemen haben, sei Skepsis angebracht.  

Analysieren Sie doch einmal selbst die Kommunikation von Christian Drosten und Alexander S. Kekulé mit Hilfe des Analyserasters des informierten Vertrauens. Wer Hilfestellung braucht, wird bei der Wissenschaftskommunikatorin Mai Thi Nguyen-Kim fündig, die Aussagen zentraler wissenschaftlicher Akteure in der Coronakrise analysiert. 

Ein großes Dankeschön geht an Rainer Bromme, der unser Kolleg mit seinen Ausführungen zur Wissenschaftskommunikation einen weiteren Schritt vorangebracht und viele Anregungen zu den einzelnen Promotionsprojekten gegeben hat.